„Anti-Fascist Economics“: Warum Isabella Weber recht hat
Heute Morgen ist im Guardian ein großartiges Interview mit der Ökonomin Isabella Weber zu ihrem neuen Buch „Anti-Fascist Economics: In Defence of Affordability, Dignity and Democracy“ erschienen. Als ich den Artikel las, fühlte es sich an, als würde jemand das wissenschaftliche Makro-Fundament exakt unter das legen, was mich bereits bei meinen Überlegungen zu Hannah Arendt (Thought #421) und meiner Kritik an der ZDF-Sendung Markus Lanz (Thought #420) beschäftigt hat.
Isabella Weber greift einen Vergleich von John Maynard Keynes auf: Ökonominnen sollten endlich aufhören, sich wie abgehobene Ideologen zu verhalten, und stattdessen arbeiten wie Zahnärztinnen. Wenn eine Patientin mit unerträglichen Zahnschmerzen auf dem Stuhl sitzt, hält ihr die Zahnärztin keinen dogmatischen Vortrag über die Selbstheilungskräfte des Marktes, sondern sie behandelt akut den Schmerz.
Genau dieser Schmerz brennt heute in unserer Gesellschaft: Während Konzerne durch Krisen und Klimazerstörung gigantische Übergewinne (Greedflation) einfahren, von denen laut Webers Forschung 50 Prozent direkt in die Taschen des reichsten einen Prozents der Haushalte fließen, wird das tägliche Leben für die Mehrheit unbezahlbar. Als Sprachmittler im Jobcenter sehe ich diese strukturelle Erniedrigung jede Woche mit eigenen Augen – und genau an diesem Punkt sitzt Weber in Berlin sogar selbst in der Kommission der CDU-geführten Bundesregierung zur Reform der Schuldenbremse und schlägt Alarm:
„Wir kommen keinen Schritt voran. Währenddessen setzt unsere Regierung harte Kürzungen bei der sozialen Sicherung gegen den Willen der Wähler durch.“
Das Ergebnis dieser neoliberalen Ignoranz beschreibt Weber am Beispiel der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, unserer direkten Nachbarschaft zu Leipzig: Wenn etablierte Parteien den Menschen in einer der ärmsten Regionen Deutschlands nur Stillstand und Kürzungen bieten, während die AfD plakatiert „Alles ist möglich“, darf sich niemand wundern, wenn der Faschismus aus der Krise der Lebenshaltungskosten wiederaufersteht. Während man sich bei Markus Lanz im Designeranzug darüber empört, warum Jugendliche in Paris oder Berlin auf die Barrikaden gehen, benennt Weber die Ursache glasklar: Menschliche Würde und Demokratie hängen daran, dass die Grundbedürfnisse des Lebens – Wohnen, Essen, Energie, Wasser, Mobilität und Pflege – für alle bezahlbar sind.
Was mich an Webers Ansatz besonders begeistert: Sie hat in New York die sozialistischen Theorien des 20. Jahrhunderts studiert und kritisiert, dass vieles davon „utopisch und abgehoben im Wolkenkuckucksheim“ war – schöne Ideen, aber völlig abgekoppelt von der gelebten Realität der Menschen. Genau das ist auch meine Kritik an manchen akademischen Blasen der heutigen Gemeinwohl-Ökonomie.
Weber fordert stattdessen handfeste, pragmatische Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – und nennt als Beispiel ausgerechnet das Getreide und unser tägliches Brot: Vier multinationale Konzerne kontrollieren heute 70 bis 90 Prozent des weltweiten Getreidehandels und profitieren von Preisschwankungen. Um diese Monopole zu brechen, braucht es regionale Puffer, gemeinschaftliche Einkaufsmacht und faire Preisdeckel für Grundnahrungsmittel.
Genau hier liegt unser Auftrag vor Ort: Während in Berlin Kommissionen endlos debattieren, müssen wir diese „antifaschistische Ökonomie“ von unten aufbauen. Überall dort, wo wir den globalen Spekulationsmarkt durch kurze, regionale Kreisläufe umgehen, solidarische Wirtschaftsmodelle stärken und für faire Löhne ohne Ausbeutung sorgen, schaffen wir reale Resilienz im Alltag. Wir müssen nicht warten, bis die Chefökonomen im Fernsehen ihre Ideologie ablegen. Jede lokale Genossenschaft, jedes offene Stadtteilhaus und jedes Nachbarschafts-Netzwerk, das Grundbedürfnisse wieder in die Hände der Gemeinschaft holt, zieht dem Autoritarismus den Boden unter den Füßen weg.
Heute Morgen ist im Guardian ein großartiges Interview mit der Ökonomin Isabella Weber zu ihrem neuen Buch „Anti-Fascist Economics: In Defence of Affordability, Dignity and Democracy“ erschienen. Als ich den Artikel las, fühlte es sich an, als würde jemand das wissenschaftliche Makro-Fundament exakt unter das legen, was mich bereits bei meinen Überlegungen zu Hannah Arendt (Thought #421) und meiner Kritik an der ZDF-Sendung Markus Lanz (Thought #420) beschäftigt hat.
Isabella Weber greift einen Vergleich von John Maynard Keynes auf: Ökonominnen sollten endlich aufhören, sich wie abgehobene Ideologen zu verhalten, und stattdessen arbeiten wie Zahnärztinnen. Wenn eine Patientin mit unerträglichen Zahnschmerzen auf dem Stuhl sitzt, hält ihr die Zahnärztin keinen dogmatischen Vortrag über die Selbstheilungskräfte des Marktes, sondern sie behandelt akut den Schmerz.
Genau dieser Schmerz brennt heute in unserer Gesellschaft: Während Konzerne durch Krisen und Klimazerstörung gigantische Übergewinne (Greedflation) einfahren, von denen laut Webers Forschung 50 Prozent direkt in die Taschen des reichsten einen Prozents der Haushalte fließen, wird das tägliche Leben für die Mehrheit unbezahlbar. Als Sprachmittler im Jobcenter sehe ich diese strukturelle Erniedrigung jede Woche mit eigenen Augen – und genau an diesem Punkt sitzt Weber in Berlin sogar selbst in der Kommission der CDU-geführten Bundesregierung zur Reform der Schuldenbremse und schlägt Alarm:
„Wir kommen keinen Schritt voran. Währenddessen setzt unsere Regierung harte Kürzungen bei der sozialen Sicherung gegen den Willen der Wähler durch.“
Das Ergebnis dieser neoliberalen Ignoranz beschreibt Weber am Beispiel der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, unserer direkten Nachbarschaft zu Leipzig: Wenn etablierte Parteien den Menschen in einer der ärmsten Regionen Deutschlands nur Stillstand und Kürzungen bieten, während die AfD plakatiert „Alles ist möglich“, darf sich niemand wundern, wenn der Faschismus aus der Krise der Lebenshaltungskosten wiederaufersteht. Während man sich bei Markus Lanz im Designeranzug darüber empört, warum Jugendliche in Paris oder Berlin auf die Barrikaden gehen, benennt Weber die Ursache glasklar: Menschliche Würde und Demokratie hängen daran, dass die Grundbedürfnisse des Lebens – Wohnen, Essen, Energie, Wasser, Mobilität und Pflege – für alle bezahlbar sind.
Was mich an Webers Ansatz besonders begeistert: Sie hat in New York die sozialistischen Theorien des 20. Jahrhunderts studiert und kritisiert, dass vieles davon „utopisch und abgehoben“ war – schöne Ideen, aber völlig abgekoppelt von der gelebten Realität der Menschen. Genau das ist auch meine Kritik an manchen akademischen Blasen der heutigen Gemeinwohl-Ökonomie.
Weber fordert stattdessen handfeste, pragmatische Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – und nennt als Beispiel ausgerechnet das Getreide und unser tägliches Brot: Vier multinationale Konzerne kontrollieren heute 70 bis 90 Prozent des weltweiten Getreidehandels und profitieren von Preisschwankungen. Um diese Monopole zu brechen, braucht es regionale Puffer, gemeinschaftliche Einkaufsmacht und faire Preisdeckel für Grundnahrungsmittel.
Genau hier liegt unser Auftrag vor Ort: Während in Berlin Kommissionen endlos debattieren, müssen wir diese „antifaschistische Ökonomie“ von unten aufbauen. Überall dort, wo wir den globalen Spekulationsmarkt durch kurze, regionale Kreisläufe umgehen, solidarische Wirtschaftsmodelle stärken und für faire Löhne ohne Ausbeutung sorgen, schaffen wir reale Resilienz im Alltag. Wir müssen nicht warten, bis die Chefökonomen im Fernsehen ihre Ideologie ablegen. Jede lokale Genossenschaft, jedes offene Stadtteilhaus und jedes Nachbarschafts-Netzwerk, das Grundbedürfnisse wieder in die Hände der Gemeinschaft holt, zieht dem Autoritarismus den Boden unter den Füßen weg.
🤖 Quiz / Verständnisfrage zu Thought #422
Was versteht die Ökonomin Isabella Weber unter „Anti-Fascist Economics“ (Antifaschistischer Ökonomie), und warum sollten Ökonominnen laut ihr wie „Zahnärztinnen“ agieren?
- A) Weil Zahnärztinnen besonders viel Geld verdienen und an der Börse in Getreidekonzerne investieren.
- B) Weil man dem Erstarken des Rechtsextremismus nur den Nährboden entzieht, indem man dogmatische Markt-Ideologien über Bord wirft und pragmatisch den akuten „Schmerz“ der Bevölkerung lindert – also Grundbedürfnisse wie Essen, Wohnen, Energie und Mobilität für alle bezahlbar macht.
- C) Weil sie fordert, die Sozialleistungen weiter zu kürzen, um die Schuldenbremse einzuhalten.
- D) Weil sie der Meinung ist, dass abstrakte Theorien aus dem 20. Jahrhundert wichtiger sind als die reale Lebenswelt der Menschen.
💡 Auflösung: Richtig ist B. Faschismus wächst auf dem Boden existenzieller Verunsicherung und unbezahlbarer Lebenshaltungskosten. Wie eine Zahnärztin akuten Schmerz behandelt, muss Wirtschaftspolitik pragmatisch dafür sorgen, dass die materiellen Grundlagen des Lebens (Wohnen, Brot, Energie, Mobilität) bezahlbar und gemeinschaftlich gesichert bleiben.